Sozialistische Arbeiterstimme

Todesursache: Armut & Profitgier

Donnerstag 29. Juni 2017

Vernachlässigte Sozialwohnungen

Vor zwei Wochen brannte in London ein Hochhaus binnen weniger Minuten lichterloh. 600 Menschen wurden mitten in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag von Rauch und Flammen überrascht. 79 Menschen starben auf grausame Weise, viele weitere wurden verletzt. Einfach nur eine Verkettung unglücklicher Umstände? Nein! Denn alle Faktoren, die zu diesem Unglück geführt haben, waren bereits seit Monaten, ja gar Jahren bekannt, aber die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft haben nichts unternommen – im Gegenteil:

Das besagte „Grenfell“-Hochhaus – ein Sozialbau der 70er Jahre – war bekannt für seine maroden Stromleitungen, fehlende Sprinkler-Anlage, keinen zentralen Feueralarm und nur ein Treppenhaus. Betroffene Bewohner haben seit längerem auf die Mängel aufmerksam gemacht. Doch das interessierte weder die PolitikerInnen noch die private Verwaltung KCTMO, die heute 10.000 Sozialwohnungen im Auftrag des Londoner Bezirks Kensington and Chelsea, verwaltet. Ziel hierbei: Sparen!

Besonders zynisch ist an dem Unglück, dass das Hochhaus vor wenigen Monaten erst „saniert“ wurde – jedoch nur von außen. Und hierbei wurde die Außenfassade mit billigem Material verschönert und in eine leicht brennbare Fackel verwandelt. Das alles nur, um den angrenzenden Bewohnern der neuen Luxuswohnungen den Anblick von heruntergekommenen Hochhäusern zu ersparen!

Gentrifizierung politisch leicht gemacht

Dass die Mieten immer weiter steigen und es immer schwieriger wird, bezahlbare Wohnungen im Innenstadtbereich zu finden, ist in deutschen Groß­städten auch keine Neuigkeit mehr. In London wird die Verdrängung aber noch perfider Vorangetrieben, indem Wohnhäuser bewusst vernachlässigt bzw. Bauvorschriften abgeschafft werden. Die Politiker der Tory-Partei stimmten im Parlament bewusst dagegen, dass Wohnhäuser einen gewissen Lebensstandard gewährleisten müssen. Einer von ihnen, Brandon Lewis, erklärte gar: „Die Kosten für die Installation einer Sprinkleranlage könnten den Wohnungsbau beeinträchtigen, während wir ihn begünstigen wollen.“

Mit anderen Worten für die Armen Billigwohnungen (ohne Sicherheitsvorkehrungen) bis sie verfallen und abgerissen werden können. Luxusappartements mit allem drum und dran für diejenigen, die es sich leisten können. Man könnte meinen, wir leben wieder in den Anfängen des Kapitalismus. Aber es ist das 21. Jahrhundert und die Geschäftemacherei ist skrupellos wie eh und je.

Aufgescheuchte Politiker

79 Tote! Das war nun doch zu viel und der Brand schlägt hohe Wellen, die Krokodilstränen sind groß. Dabei hatte es schon 2009 in London einen Hochhausbrand mit 7 Toten gegeben, darunter 3 Kinder. Doch der Bericht über die Ursachen dieses Brandes wurde seither unter Verschluss gehalten. Die jetzige Katastrophe ist nun aber wohl doch zu groß, als dass man zur Tagesordnung übergehen könnte: in kürzester Zeit wurden viele Hochhäuser Großbritanniens kontrolliert. Allein fünf Häuser wurden am letzten Wochenende in London evakuiert. Insgesamt wurden bereits 60 Hochhäuser in ganz England als gefährlich eingestuft. Bei 13 Häusern muss die Fassadenverkleidung sofort entfernt werden. So wird offenbar, wie die Armen Großbritanniens hausen müssen und das dies lange Zeit niemanden interessiert hat.

Deutschland ganz anders?

Natürlich wird versichert, dass hier in Deutschland die Hochhäuser sicher seien und der Brandschutz ganz andere Maßstäbe hätte. Aber was wissen wir über den Pfusch am Bau? In der Regel erfährt man doch erst hinterher, dass Sicherheitsstandards nicht eingehalten wurden. Beim BER hat man es immerhin schon beim Bau festgestellt, aber was ist mit all den anderen Gebäuden, wo keine Inspektionen möglich sind, weil einfach in den letzten Jahren die Stellen bei der Bauaufsicht abgebaut wurden? Und schließlich werden bei Ausschreibungen stets die billigsten Anbieter genommen und wie schaffen es diese Firmen wohl die Preise so zu senken? So sind viele Autobahnteilstrecken (A3, A7, A24) nach ihrer Sanierung gleich wieder marode, was bisher nur Gräber für Millionen Steuergelder waren. Oder erinnern wir uns an den Dacheinsturz einer REWE-Filiale in Falkensee 2009, wobei glücklicherweise kein Mensch zu Schaden gekommen war.

Ob Großbritannien oder anderswo, bei der Jagd nach den größtmöglichen Profiten gehen die privaten Firmen – mit staatlicher Unterstützung – über Leichen.


Kurz gesagt...

Schulz oder Merkel, wirklich?

Beim Parteitag der SPD am letzten Wochenende hat Schulz mühsam versucht, sich von Merkel zu distanzieren. Will er uns vergessen lassen, dass seine Partei zur aktuellen Situation nicht weniger als Merkel verantwortlich ist?

Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehören "Minijobs, lange Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne" für immer mehr Arbeitnehmer "mittlerweile zum Alltag". Das führt dazu, dass die Altersarmut in Deutschland weiter steigen soll, besonders für Frauen. Wegen dieser Perspektive macht sich aber Merkel keine Sorgen, Altersarmut ist ihr Wurst: ohne Reform werden die Renten niedrig bleiben, aber vor einer Woche beim Tag der Deutschen Industrie verkündete sie, sie sehe keinen Grund für eine Rentenreform!

Die Frage Schulz oder Merkel kann für uns keine ernste Frage sein. Die Demonstration nächste Woche gegen den G20-Gipfel in Hamburg wird sicher spannendere Debatten hervorbringen als bei ihrem läppischen Wahlkampf!


Marx
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