Revolutionär Sozialistische Organisation

Griechenlands Jugend rebelliert

Donnerstag 11. Dezember 2008

Seit dem Wochenende gibt es in vielen Städten Griechenlands gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Das Stadtzentrum Athens wurde verwüstet und Autos gingen in Flammen auf. Doch was in den deutschen Medien oft als „Krawalle“ von „Randalierern“ bezeichnet wird, ist Ausdruck der Wut einer ganzen Generation.

Die Proteste wurden ausgelöst, nachdem ein Polizist einen 15-Jährigen erschossen hat. Angeblich der „Querschläger“ eines Warnschusses, den der Polizist auf den Bürgersteig abgefeuert haben will. Doch Augenzeugen berichten, dass der tödliche Schuss gezielt abgegeben wurde. Der fragliche Polizist war schon vor dem Vorfall zu dem Spitznamen „Rambo“ gekommen und einer seiner Anwälte hat sich mittlerweile aus Gewissensgründen geweigert, einen "solchen Mandanten" zu verteidigen.

Polizeiübergriffe sind in Griechenland alles andere als Einzelfälle. Erst im Sommer dieses Jahres sind mehrere Fälle von Misshandlungen durch die Polizei bekannt geworden – am häufigsten betroffen sind ImmigrantInnen. Vielen Menschen in Griechenland ist auch die Rolle der Polizei in der Militärdiktatur noch in Erinnerung, die bis 1974 an der Macht war.

Kein Wunder also, wenn die Jugendlichen ihren Hass auf die Polizei hinausschreien: „Mörder, Mörder!“ oder „Schlag doch, ich bin auch unbewaffnet!“ Die Wut und Gewalt richtete sich vielerorts gezielt gegen Polizeistationen.

Anders als hierzulande oft zu hören, sind es nicht nur „Autonome“, die auf der Straße sind, sondern eine Vielzahl von SchülerInnen, StudentInnen, oft unterstützt von Lehrerinnen und Lehrern. Die Stimmung der Solidarität mit der aufgebrachten Jugend ist so stark, dass sogar der Vorsitzende der Handelskammer von Athen meinte: „Wenn ein Kind getötet wird, hat es keinen Sinn über unsere Sachschäden zu reden.“

Doch die Wut der Jugendlichen richtet sich nicht nur gegen die Polizei, sondern auch gegen die Regierung und die gesellschaftlichen Zustände. In Griechenland liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 25 %. Das ist nach Polen und Slowakei die dritthöchste Quote der gesamten EU. Viele Jugendliche aus der Arbeiterklasse können bis über 30 nicht zu Hause ausziehen und sind auch sonst auf Unterstützung durch die Familie angewiesen. Und die Familien haben immer weniger: Für alle Arbeitenden verschlechtert sich die Situation seit Jahren, die Preise steigen. In Griechenland, wo die Preise für Lebensmittel vergleichbar sind mit denen in Deutschland, bekommen Arbeitende nur etwa die Hälfte, oft nur ein Drittel der hiesigen Löhne. Viele Arbeiter, zum Beispiel auf dem Bau, erreichen nicht einmal den Mindestlohn von 700 Euro. Nun kommt noch die Finanz- und Wirtschaftskrise hinzu, die besonders stark die in Griechenland recht bedeutende Baubranche trifft. Auch die griechische Regierung, die von vielen Korruptionsskandalen geschüttelt wird, hat ein Rettungspaket für die Banken in Höhe von 28 Milliarden Euro geschnürt. Dieselbe Regierung hat erst dieses Jahr eine Rentenreform beschlossen, die insbesondere für Frauen bedeutende Einbußen im Alter zur Folge hat.

Auf der einen Seite – Armut und Perspektivlosigkeit, auf der anderen – Luxus und Milliarden. Deshalb entlädt sich die Wut nicht nur gegen die Polizei, sondern auch gegen Bankfilialen und teure Geschäfte in der Athener Innenstadt.

Doch es ist klar, dass Wut und blinde Zerstörung nichts an den Zuständen in Griechenland ändern. Nur die Arbeiterbewegung könnte der Revolte der Jugendlichen eine Perspektive geben. Gestern hat ein seit längerem geplanter Generalstreik das Land lahmgelegt und gezeigt, wer normalerweise die Wirtschaft am Laufen hält. Der Protest richtete sich gegen die Privatisierungspolitik, den Sozialabbau und die hohen Lebenshaltungskosten. „Die Reichen sollen für ihre Krise zahlen!“, war auf einem Transparent zu lesen. Wenn die Arbeitenden mit den Jugendlichen gemeinsam protestieren und es nicht bei einem Streiktag bewenden lassen, können sie nicht nur eine verhasste Regierung aus dem Amt jagen, sondern tatsächliche Verbesserungen der Lebensbedingungen durchsetzen. Denn ob die Reichen tatsächlich selbst für ihre Krise zahlen müssen, oder ob mal wieder die Arbeitenden zur Kasse gebeten werden, ist eine Frage des Kräfteverhältnisses!


Marx
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