Revolutionär Sozialistische Organisation

Streiken wie in Frankreich heißt: Sich organisieren!

Freitag 29. Oktober 2010

Die Streiks in Frankreich dauern an. Seit Wochen gehen immer wieder Millionen Franzosen auf die Straße. Worum geht es eigentlich?

Die allgemeine Unzufriedenheit

Es streiken und demonstrieren so viele Arbeitende, weil sie genau wie wir hier in Deutschland unzufrieden sind. Unzufrieden mit den vielen Angriffen der Sarkozy-Regierung auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung zugunsten der Unternehmer. Unzufrieden mit den zu niedrigen Löhnen und zu schlechten Arbeitsbedingungen. Unzufrieden mit den vielen Entlassungen und Schließungen von Betrieben infolge der Wirtschaftskrise.

All dies steht im Hintergrund der Proteste gegen die Rentenreform. Die Mehrheit ist gegen das neue Gesetz und dennoch haben der Senat und die Nationalversammlung nun die Reform gebilligt. Unsere Medien stellen vor allem die gewalttätigen Auseinandersetzungen – die in aller Regel von den Sondereinsatzkräften provoziert werden – in den Vordergrund. Ebenso berichten sie ungenau über die Reform und erwähnen nur, dass die Franzosen nun nicht mehr mit 60 sondern mit 62 in Rente gehen sollen. So stimmt das aber nicht. Auf diese Weise wird bewusst verzerrt, worum es eigentlich geht. Ziel dabei ist es die Solidarität und Sympathie der Bevölkerung in Deutschland so gering wie möglich zu halten – genau so wie bei den Streiks der Arbeitenden während der Griechenland-Krise.

Worum es in Wahrheit geht

Seit Jahren wird auch in Frankreich die Rente reformiert. Es begann 1993, als die Beitragsjahre von 37,5 auf 40 Jahre angehoben wurden. Seither sind die Beitragsjahre auf 41 gestiegen und sollen weiter steigen – gekoppelt an die statistisch zu erwartende Lebenserwartung aller über 60jährigen.

Nun will der Präsident Sarkozy die Situation noch mehr verschärfen. Die volle Rente – unabhängig von den Beitragsjahren – soll von 65 auf 67 Jahre angehoben werden. Das frühest mögliche Alter für einen Eintritt in die Rente soll von 60 auf 62 angehoben werden. Dabei gibt es natürlich Abschläge – so wie bei uns, wenn wir vor 67 in Rente gehen.

Schon heute herrscht der Terror der Beitragsjahre, der durch die zunehmende Arbeitslosigkeit immer schlimmer wird. Fehlen auch nur fünf Jahre bei den Beitragsjahren, dann sinkt die Rente der Franzosen auf 50%! Und dies trifft besonders die Frauen, die aufgrund der Kindererziehung im Durchschnitt nur 30 Jahre schaffen (Männer wenigstens noch durchschnittlich 41 Jahre). Das ist das wahre Problem bei den Reformen.

Und genauso trifft es die Jugend. Wenn die Eltern und Großeltern länger arbeiten müssen, dann finden die Jungen keine Arbeit. Schon heute sind 25% der Jugendlichen in Frankreich arbeitslos. Und deshalb ist ganz Frankreich wütend auf das neueste Gesetz und Millionen gehen auf die Straße und streiken womöglich noch dazu.

In Frankreich ist alles ganz anders!?

Wer von uns schaut nicht voller Bewunderung nach Frankreich, wo die Arbeitenden sich immer wieder gegen Entlassungen oder arbeiterfeindliche Gesetze wehren? Doch ist es so unmöglich hier in Deutschland dasselbe zu schaffen?

Die Franzosen sind keine menschliche Spezies besonderer Art. Es gibt aber unter ihnen Aktivisten, die jeden Tag versuchen, den Widerstand zu organisieren und oftmals sich jahrelang gewerkschaftlich und politisch in ihren Betrieben engagieren, ohne dass auch nur ein einziger Kollege mitmacht. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist unwahrscheinlich niedrig. Liegt er in Deutschland bei ca. 20%, sind in Frankreich nur 8% organisiert. Und während wir Streikkassen besitzen und wenigstens einen Ausgleich für Lohnverluste erhalten, haben die Franzosen gar keine. Sie gehen während ihrer Streiks in der Bevölkerung sammeln und fordern von den Unternehmern die Bezahlung der Streiktage, was sie nur dann durchsetzen, wenn ihr Streik stark genug war.

Aber die haben doch ein Recht politisch zu streiken!?

Die französischen Arbeitenden haben eben nicht das Recht politisch zu streiken. Auch sie müssen angesichts der Reform tricksen, um die Arbeit nieder legen zu können. Sie stellen offiziell Forderungen gegenüber ihren Unternehmen auf und gehen aus anderen Gründen dann auf die Straße.

So nutzen die französischen AktivistInnen Gesetzeslücken und kämpfen ebenfalls jeden Tag mit der Passivität ihrer KollegInnen bis... ihnen die Hutschnur reißt und die Stimmung kippt. Dann aber heißt es organisiert sein.

Und diese Früchte können die Franzosen nur ernten, weil sie sich im Vorhinein engagiert haben. Das ist auch ein Weg, den wir hier in Deutschland gehen können. Nur wenn wir selber anfangen zu organisieren, zu diskutieren und uns zu versammeln, dann können wir in Zukunft so kämpferisch wie die Franzosen werden!


Marx
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