Revolutionär Sozialistische Organisation

Nukleare Kettenreaktion in Japan: Was wir wissen und was man uns nicht sagen will

Dienstag 15. März 2011

Momentan ist bereits von mehr als 10.000 Toten die Rede, vor allem durch den Tsunami, der dem heftigen Erdbeben der Stärke 8,9 folgte. Früher wurde immer das hohe Niveau der Sicherheitsvorkehrungen in Japan angesichts des Erdbebenrisikos hervorgehoben. Seit dem Erdbeben von Kobe 1995 wurden Baustandards im Hinblick auf Erdbebensicherheit verschärft, Frühwarnsysteme verbessert und die Bevölkerung für Rettungsmaßnahmen sensibilisiert.

Auf Haiti starben bei einem Erdbeben der Stärke 7 im Januar 2010 über 200.000 Menschen. Ohne Zynismus: Darin zeigt sich der Unterschied zwischen einem Land wie Japan, das über moderne Technik verfügt, und einem Land wie Haiti, das nichts davon hat und wo eine Naturkatastrophe noch zigmal grausamer zuschlägt.

Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen könnte die Zahl der Opfer in Japan noch stark steigen. Der Tsunami hat den BewohnerInnen der japanischen Küsten nur wenig Chancen gelassen. Die Bevölkerung scheint zwar sofort alarmiert worden zu sein, aber sie hatten nur 15 Minuten um zu fliehen. Ganze Häfen und Kleinstädte sind von der Landkarte verschwunden.

Eine Naturkatastrophe... aber nicht nur

Aber wenn zu einer Naturkatastrophe noch ein technisches Risiko hinzukommt, dann stellt sich mit aller Schärfe die Frage nach menschlicher Verantwortung. Man kann sich schon wundern, dass ausgerechnet in einem erdbebenaktiven Gebiet die Wahl auf Atomenergie fiel. Mit 55 Kernkraftwerken steht Japan weltweit an dritter Stelle hinter den USA und Frankreich.

Momentan entwickelt sich eine nukleare Katastrophe. Die Kühlsysteme mehrerer Reaktoren in Fukushima I, an der Küste 250 km nördlich von Tokio, fielen in Folge des Tsunamis aus und sogar die Notstromaggregate versagten. Die hochradioaktiven Reaktorkerne gerieten weitgehend außer Kontrolle und sind mindestens teilweise geschmolzen. Es könnte zur schlimmsten nuklearen Katastrophe der Geschichte kommen.

Die Verschleierungstaktik der Atomindustrie

Die Behörden und Betreiberfirmen geben widersprüchliche Erklärungen und versuchen zu beschwichtigen. Selbst Fachleute können sich nur mühsam ein Bild zusammenreimen. Die japanische Atomlobby mag keine Transparenz. Und damit unterscheidet sie sich nicht von der deutschen. Die japanische Firma TEPCO, die Fukushima I betreibt, verdient genauso wenig Vertrauen wie RWE oder Vattenfall in Deutschland: Schon 2007 hatte ein Erdbeben eine ihrer Atomanlagen beschädigt, TEPCO jedoch wollte das Leck vertuschen. Heimlich wurden 1.000 Liter radioaktives Wasser ins Meer abgelassen.

Auch bei Atomkraftwerken in Süddeutschland besteht ein Risiko von Erdbeben und Erdeinbrüchen. Sie entsprechen dabei nicht den höchsten Sicherheitsstandards. Vattenfall musste 2009 nach einer Notabschaltung in Krümmel bei Hamburg eingestehen, dass ein vorgeschriebenes Überwachungsgerät nicht eingebaut wurde. 4.000 Störfälle gab es in Deutschland in 30 Jahren! Schon letztes Jahr, als Behörden und Politiker mit der Atomlobby die Laufzeitverlängerung einfädelten, wurde ihren Erklärungen zur Sicherheit der Atomkraftwerke in Deutschland kaum geglaubt. Wenn Merkel jetzt behauptet, die Sicherheitsstandards würden während drei Monaten erneut geprüft und der Sicherheit würde dabei alles untergeordnet, dann ist das eine Lüge mehr.

Wenn Profite an erster Stelle stehen, sieht’s mit Sicherheit schlecht aus

In den hoch industrialisierten Ländern ermöglicht die Technologie, viele Risiken zu mindern, wenn auch nicht alle. Doch das Problem ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologie unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit stehen. Im permanenten Konkurrenzkampf der Unternehmen geht es allein darum, die höchsten Profite zu erzielen. Dieses Diktat fördert ein System von Lügen und Verschleierung. Es macht die Kontrolle wirtschaftlicher und technologischer Entscheidungen und eine Bewertung der Risiken für die Bevölkerung unmöglich.


Marx
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