Revolutionär Sozialistische Organisation

Von Tschernobyl bis Fukushima: Strahlende Aussichten

Donnerstag 28. April 2011

Vor 25 Jahren, am 26. April 1986 explodierte der Block 4 im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl. Die radioaktive Wolke, die dadurch freigesetzt wurde, führte zur Verstrahlung von 218.000 Quadratkilometer und kam bis weit nach Westeuropa: der Sand der Kinderspielplätze, viele Beeren und Gemüse galten auch tausende Kilometer entfernt als belastet. Obwohl der Unfall in Tschernobyl nicht der erste Atomunfall war, zeigte er deutlich, welche Gefahren diese Technologie mit sich brachte. Die Katastrophe von Fukushima – 25 Jahre später – zeigt aber auch, wie wenig sich die Herrschenden darum geschert haben.

Schon seit Beginn der Kernforschung kam es immer wieder zu Unfällen bei denen zunächst einzelne Menschen schon bald aber ganze Landstriche belastet wurden. Traf es 1945 zunächst Forscher im Atombombenzentrum Los Alamos (USA), so kam es 1952 nach einer Explosion in einem Reaktor in Kanada erstmals zum einem Entweichen von radioaktiven Stoffen in die Atmosphäre. 1957 führte eine Explosion im sowjetischen Kyschtym zu einer Belastung von gut 20.000 Quadratkilometern und der Umsiedlung von gut 10.000 Menschen. Nach einer Schätzung erkrankten in Folge des Unfalls ungefähr 1.000 Menschen an Krebs. 1979 kam es in Harrisburg (USA) zu einer Kernschmelze, nur durch ein Ablassen radioaktiven Dampfes in die Luft konnte eine Explosion des Reaktors verhindert werden. 1986 schließlich explodierte Tschernobyl… und 2011 Fukushima. In Tschernobyl starben in Folge des Reaktorunfalls Tausende von Menschen an den Strahlenfolgen, in Fukushima wird es noch Monate dauern, bis keine Radioaktivität mehr austritt und neben Japan dann auch weite Teile der Region verstrahlt.[

Gemein haben all diese Unfälle, dass die Herrschenden versucht haben, die Bevölkerung nicht zu informieren. Die Explosion in Kyschtym wurde 30 Jahre lang verheimlicht, die betroffene Bevölkerung zu spät evakuiert. Dasselbe in Tschernobyl: Erst nach über 24 Stunden wurde die Stadt Pripjat, in der die Kraftwerksarbeiter mit ihren Familien wohnten, evakuiert. Das Ausland erfuhr von der bedrohlichen Strahlenwolke erst durch erhöhte Messwerte in Schweden. Nun, die Sowjetunion war eine Diktatur – aber der „demokratische“ Westen nicht besser. In der Bundesrepublik gaben die Regierungen zum Beispiel den staatlichen Wetterdiensten Anweisung, die erhöhten Messwerte möglichst lange geheim zu halten. Der damalige Bundeskanzler Kohl wollte keine Unterstützung für die Anti-Atom-Bewegung und den Widerstand gegen den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Und doch war es vor allem die damals starke Umweltbewegung, die die Regierung dazu zwang nachzugeben. Lange bevor die Grünen in die Regierung kamen, wurde der Forschungsreaktor in Jülich 1988 geschlossen und die Koalition von CDU und FDP erfand die Formel der „Übergangstechnologie“ (heute „Brückentechnologie“) Atomkraft. Seit 1986 steigen wir also aus der Atomkraft „aus“…

Die Meinung der Bevölkerung wird aber nicht nur durch Verschweigen „beeinflusst“ – wenn nötig wird sie auch ignoriert. So produziert das AKW Harrisburg, gegen den Willen von über 60% der Bevölkerung seit 1985 wieder Strom… und 2009 einen – wenn auch viel kleineren – Unfall. In der Bundesrepublik werden mit Polizeiknüppeln und Tränengas seit den 70er Jahren Atomkraftwerke gebaut und radioaktiver Müll durchs Land gefahren.

Viele Menschen hatten 1998 die Hoffnung, die Grünen in der Regierung würden einen Ausstieg aus der lebensgefährlichen Energie bringen. Stattdessen schlossen SPD und Grüne mit den Energiekonzernen einen Vertrag, der einen Weiterbetrieb für Jahrzehnte garantierte. Der Verhandlungsführer der Stromkonzerne war ein ehemaliger Abteilungsleiter „Reaktorsicherheit“ im Umweltministerium, der zuständige Minister Müller ein ehemaliger Manager des E.On-Vorgängers VEBA. Der „Atomausstieg“ von 2002 zeigt, dass auch die Grünen wenn es darauf ankommt (und sie gerade in der Regierung sitzen) vor den Profiten der Atomindustrie (in Deutschland vor allem E.On, EnBW, RWE und Kraftwerksbauern wie Siemens) kuschen. EnBW, einer der vier großen Atomkonzerne, gehört zu fast 50% dem neuerdings grün-rot regierten Baden- Württemberg. Aber glaubt jemand ernstlich, dass der neue grüne Ministerpräsident dort nun den sofortigen Ausstieg praktiziert? Im Gegenteil, nur durch den Druck der Straße, durch Demonstrationen und auch Streiks wird die Regierung – egal welcher Farbe – zum Ausstieg gezwungen. Wenn wir ihr nicht trauen können, müssen wir das Vertrauen in unsere gemeinsame Stärke entwickeln.


Marx
Startseite | Kontakt | Sitemap | Redaktion | Statistiken | Besuche: 248500

Aktivitäten verfolgen de  Aktivitäten verfolgen Leitartikel   ?

Realisiert mit SPIP 2.1.30